Was ich als Märchenerzählerin bewirken will

Seit ich im Oktober 2023 bei „Rapid Blog Flow“ von Judith Peters mitgemacht habe, blogge ich mehr oder weniger regelmäßig. Kurz vor Pfingsten rief Judith Peters wieder zu einer Blog-Challenge auf. Unter dem Titel #BlogYourPurpose hat sie uns gefragt: Was willst Du bewirken?
Natürlich bin ich mir bewusst, dass vieles, was ich tue, einem bestimmten Zweck dient. Trotzdem habe ich noch nie wirklich darüber nachgedacht oder gar in Worte gefasst, was ich wirklich bewirken will, was mich antreibt und warum ich tue was ich tue.

Die Volksbanken Raiffeisenkassen hatten lange das Motto: „Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt.“ Was aber treibt mich an? Was ist mir wirklich wichtig? Was will ich be-wirken?

Die eigene Bestimmung finden

Die Märchen wurden mir bereits in die Wiege gelegt. So sehe ich das zumindest rückwirkend. Geboren wurde ich nämlich mit einem gar märchenhaften Namen, als Heike Grimm. Mein Vater, der sehr stolz auf seinen Nachnamen war, hat mir viele, viele Langspielplatten mit Märchen gekauft. Da ich sehr gut übers Hören lerne, konnte ich bald alle Geschichten auswendig.

Meinen ersten Auftritt hatte ich im zarten Alter von vier Jahren in einer Dorfwirtschaft. Damals erzählte ich den Anwesenden ein Stück aus dem Märchen „Schneeweißchen und Rosenrot“. Sehr zum Leidwesen meiner Tante, die mich mitgenommen hatte. Warum? Nun, ich rezitierte ausgerechnet die Stelle:  „Was steht ihr da und habt Maulaffen feil!“ wörtlich und sah dabei die anwesenden Männer an. Diese allerdings fanden meinen Auftritt ehr lustig als peinlich.

Gestaltete Mitte während meiner Ausbildung im Märchenhof Rosenrot.

Bis ich jedoch zur Märchenerzählerin wurde war es noch ein langer Weg. Hätte ich im Jahr 2000 bereits gewusst, dass ich einmal Märchen erzählen würde, hätte ich meinen Mädchennamen bestimmt nicht abgelegt. So aber nahm ich bei der Heirat den Nachnamen meines Mannes an. Erst 2006 begann ich mit der Ausbildung zur Märchenerzählerin bei Gudrun Böteführ auf dem Märchenhof Rosenrot.

Die Erzähltradition lebendig halten

Das freie Erzählen hat eine lange Tradition. Märchen und Geschichten wurden mündlich weitergegeben. Vielleicht ist das auch die Erklärung dafür, warum es die gleiche Geschichte in so vielen unterschiedlichen Varianten existieren. Jeder gibt weiter, was er hört, was er versteht, was ihm im Gedächtnis bleibt und schmückt vielleicht das ein oder andere besonders aus. Erst viel später wurden Märchen und Sagen aufgeschrieben. Die bekanntesten deutschen Märchensammler sind die Brüder Grimm. Auch Ludwig Bechstein dürften viele kennen. Beide sammelten übrigens nicht nur Märchen, sondern auch Sagen.

Auf Antrag der Europäischen Märchengesellschaft hat die Deutsche UNESCO-Kommission das Märchenerzählen im Dezember 2016 in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Da Märchenerzählen aber keine nationale, sondern eine weltweite Tradition ist, bemüht sich die Europäische Märchengesellschaft um Verbündete aus anderen Ländern, um das Märchenerzählen in das weltweite Verzeichnis aufnehmen zu lassen.

Beim Erzählen im Waldkindergarten in Dertingen

Der Beruf des Geschichten- oder Märchenerzählers hat sich im deutschsprachigen Raum vermutlich aus den mittelalterlichen Minnesängern, Troubadouren und Hofnarren entwickelt. Seine Aufgaben sind neben dem Unterhalten des Publikums auch die Weitergabe von geschichtlichen, gesellschaftlichen und religiösen Informationen. So werden in den Märchen Botschaften vermittelt, welche Charaktereigenschaften wichtig für ein gutes Leben sind. Zwei Beispiele sind die Eigenschaften Hilfsbereitschaft (z.B. Sterntaler ) und Mut (z.B. Der Grabhügel).

Als Märchenerzählerin will ich diese Tradition fortsetzen und erhalten. Oft kommt nach der Veranstaltung eine Person auf mich zu und sagt mir, dass sie jetzt wieder neue Märchen hat, die sie ihrem Enkel oder ihrer Enkelin erzählen kann. Dabei geht mir jedes Mal das Herz auf. Genau das verstehe ich unter lebendiger Erzähltradition: Ich höre ein Märchen und gebe es mündlich weiter.

Euch mitnehmen auf eine Reise der inneren Bilder

Lasst Euch entführen in eine andere Welt. Das war das erste Motto, das ich mir für mein Märchenerzählen gegeben habe. Lange bevor das „Märchen – frei und lebendig erzählt“ dazu kam. Letzteres übrigens, weil ich es leid war, immer und immer wieder erklären zu müssen, dass ich nicht vorlese, sondern die Märchen frei vortrage.

Anders als bei einem Film, erlebt jeder Mensch die erzählten Worte anders. Ich möchte mit den Geschichten die Fantasie meiner Zuhörer anregen. Die Bilder, die im Kopf der Menschen entstehen, sind ihre ureigensten. Ich gebe nicht mehr als den Rahmen vor. So erzähle ich vielleicht von einem armen Waisenkind, einer hässlichen Hexe, einem mutigen Ritter oder einem feuerspeienden Drachen, doch was mein Zuhörer daraus macht, liegt nicht in meinen Händen. All das entspringt der eigenen Vorstellungskraft.

Auf der Fähre ChrisTina in Mainstockheim anlässlich der Kulturzeichen Kitzingen

Volksmärchen gehen immer gut aus, so habe ich schon oft gehört, doch das stimmt nicht. Bei Zaubermärchen ist das meistens richtig, doch gerade unter den Lehrmärchen fehlt mitunter das Happy End. Bei meiner Märchenauswahl achte ich jedoch sehr darauf, Geschichten auszusuchen, die ein gutes Ende haben. Ich will meine Zuhörer erfreuen, ihnen angenehme Gefühle schenken und sie später mit einem Lächeln auf dem Gesicht entlassen. Sind wir doch mal ehrlich, Geschichten ohne guten Ausgang gibt es im realen Leben schon genug.

Die Weisheit der Märchen erfahrbar machen

Märchen transportieren Botschaften. Diese möchte ich den Menschen näherbringen. Ich erinnere mich noch gut an meinen allerersten Auftritt in der Kiliani-Klinik in Bad Windsheim im Jahre 2011. Nach der Veranstaltung kam ein Mann zu mir, der sich bei mir für den schönen Abend bedankte und berichtete, dass das Hören der Märchen heute für ihn wie Therapie war.

Eines ist allen Märchen gemein: sie zeigen uns, wie das Leben funktionieren kann, aber auch wie es auf lange Sicht nicht klappt. Die Märchenweisheit öffnet sich bereits beim Lauschen. Noch intensiver kann man sie sich bei der näheren Beschäftigung mit den überlieferten Geschichten erschließen. Dazu braucht es ein offenes Herz und einen offenen Geist. Man muss genau hinhören und hineinspüren, was sie uns zu erzählen haben. Die Geschichten können uns Wege und Möglichkeiten für unser ganz persönliches Leben erschließen und als Spiegel für uns und unsere Mitmenschen dienen. Jeder nimmt dabei das wahr, was für ihn im Moment von Bedeutung ist. Dabei bringt er seinen ureigensten Charakter und seine eigene Lebensgeschichte mit hinein.

Diese Collage entstand auf die Frage: „Was gibt Dir Kraft?“ nachdem wir analysiert hatten, was der Heldin im vorab erzählten Märchen Kraft gab.

Teilnehmern meiner Workshops und Kurse möchte ich den Zugang zu den Märchen erschließen und ihnen helfen, die erkannten Botschaften für das eigene Leben zu nutzen. Je mehr ich mich und die Menschen verstehe, umso leichter kann ich freies, glückliches und zufriedenes Leben führen – und dazu möchte ich anderen verhelfen.

Mein Vermächtnis

Machen wir uns nichts vor, die Bestimmung der wenigsten ist es, das große Weltgefüge zu verändern. Auch wenn ich es vielleicht gerne würde, längst habe ich erkannt, dass dies nicht mein Weg ist. Trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass nichts umsonst ist, was ich tue. Ihr kennt bestimmt das Afrikanische Sprichwort: „Viele kleine Leute, die an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Das was ich hinterlasse, wenn ich irgendwann einmal die Augen für immer schließe, sind viele kleine Dinge von denen ich hoffe, dass sie die Welt zu einem besseren Ort gemacht haben und dass ich viele Menschen anregen konnte, es mir gleich zu tun. Jeder auf seine eigene Art.

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