In ihrer Blogparade fragt meine Erzählkollegin Bettina von Hanffstengel aus Rödlas nach meinem Lieblingsmärchen und wie es mich noch heute beeinflusst.
Für mich als Erzählerin ist die Frage gar nicht so einfach zu beantworten. Ich liebe sehr viele Märchen und ich liebe die Bedeutung, die die Märchen haben; ich liebe den Spielraum, den sie uns zur Interpretation geben, aber auch die Weisheit, die in ihnen steckt.
Ich bin mit Märchen groß geworden. Geboren mit dem märchenhaften Namen Heike Grimm, saß ich schon als kleines Mädchen vor unserem Schallplattenspieler und hörte die Märchen immer und immer wieder, wohl weil sie mich damals schon faszinierten.
Bei näherer Betrachtung muss ich leider sagen, das absolute Lieblingsmärchen habe ich nicht, aber es gibt ein paar, die aus der Menge herausstechen. Von einem will ich in dieser Blogparade erzählen.
Das linke Auge des Königs
Das bulgarische Märchen erzählt die ebenso lustige wie tiefgründige Geschichte eines Mädchens, dass einen König mit ihrer Klugheit so beeindruckt, dass er sie schließlich zu seiner ersten Beraterin macht.
Die Geschichte beginnt skurril: Ein alter Mann geht auf den Markt, um seinen prächtigen Ochsen zu verkaufen – für das linke Auge des Königs.

(Bild mit Canva AI erstellt)
Vor den Herrscher zitiert erklärt er, dass seine kluge Tochter, die er über alles liebt und der er keinen Wunsch abschlagen kann, ihm diesen Auftrag erteilt hatte. Warum aber, das konnte der Alte dem König nicht sagen. Er wird freigelassen und die Tochter zum König geschickt. Als dieser sie befragt, erzählt sie, dass sie so zu ihm gelangen wollte, um ihm zu sagen, was das Volk über ihn denkt, nämlich, dass er sein linkes Auge nicht braucht, weil er die Armen immer links, die Reichen rechts setzt, wenn er Recht spricht und sein Spruch immer zugunsten der Reichen ausgeht. Dies erzürnt den König so sehr, dass er sie einsperren lässt. Doch dann erinnert er sich, dass ihr Vater sie ja als klug bezeichnet hat. Also holt er sie aus dem Gefängnis und verspricht ihr die Freiheit, wenn sie ihm sagen kann, was sein Königreich wert ist. Sie erklärt, sie wird es ihm sagen, wenn sie eine Woche regieren darf. Der König stimmt zu. Ihre Antwort aber erzürnt ihn: Sein Königreich sei ein Brathähnchen wert. Der König will sie zurück in den Kerker werfen, doch sie gebietet ihm Einhalt. Jetzt regiere sie, in einer Woche könne er tun was ihm beliebt, aber jetzt regiere sie. Nun dreht sie den Spieß herum und lässt ihn ins Gefängnis werfen, ohne Nahrung. Zwei Tage später macht sie sich auf den Weg in den Kerker, ein frisches Brathähnchen in der Hand. Vor seiner Zellentür geht sie auf und ab und der Duft des Hähnchens kriecht zum König hinein. Natürlich will der König das Brathähnchen und er bietet ihr Gold, Edelsteine und schließlich sein ganzes Königreich für das Brathähnchen. Da erwidert sie ihm: „Habe ich es Euch nicht gesagt? Euer Königreich ist ein Brathähnchen wert.“ Sie öffnet die Tür und gibt ihm das Brathähnchen. Da begreift er, dass sie wirklich klug ist und behält sie am Hof als seine erste Beraterin.

(Bild mit Canva AI erstellt)
Meine Gedanken zur Geschichte
Das Mädchen sieht einen Missstand. Aber statt zu lamentieren oder die Ängste der Menschen zu schüren sorgt sie dafür, dass der König sie anhört. Dabei begibt sie sich durchaus in Gefahr. Wer kann schon sagen, wie er reagiert, wenn ein Ochse für sein Auge verkauft werden soll? Wer kann schon wissen, wie er reagiert, wenn sie ihm sagt, dass sein Rechtsempfinden bedeutet, den Reichen recht zu geben und sich nicht um die Armen zu scheren?
Der König hört den Vater an, schickt ihn heim und verlangt nach der Tochter – er hätte auch gleich den Vater einsperren können oder schlimmeres. Auch dem Mädchen hört er zunächst zu, doch diese Kritik, in dieser Form erbost ihn zutiefst. Das was sie tut ist Majestätsbeleidigung. Also wird sie in den Kerker geworfen, weil er die Wahrheit nicht hören will.

(Bild mit Canva AI erstellt)
Aber offenbar lässt es ihn nicht los. Sonst würde er keinen weiteren Gedanken an sie verschwenden. Ihm fällt ein, dass der Vater gesagt hat, sie sei so klug und ich denke, er wollte sie mit seiner Frage nach dem Wert seines Königreiches auf die Probe stellen. Ist sie wirklich so klug, wie der Vater sagte? – Denn wenn sie so klug ist, mag an ihrer Kritik ja etwas dran sein…
Also lässt er sie holen und stellt seine Frage. Ihre Antwort? Wieder Majestätsbeleidigung! Und natürlich will er sie dafür sofort in den Kerker werfen. Aber diesmal sitzt sie im längeren Hebel und erteilt ihm eine Lektion: Sein Königreich verliert seinen Wert, wenn die elementaren Bedürfnisse nicht befriedigt sind. All seine Macht und all sein Reichtum sind wertlos, wenn man Hungern muss. Der König begreift, was sie ihm zeigen wollte und behält sie als erste Beraterin bei sich – und es ist davon auszugehen, dass die Urteile, die er in Zukunft fällt, weit gerechter sind, weil er jetzt beide Seiten sehen kann.
Warum ich dieses Märchen liebe
Mir gefällt dieses Märchen so gut, weil es in diesem Märchen keine Verlierer gibt, niemand der von Grund auf böse ist, sondern nur jemand, der nicht sehen kann. Von der französischen Königin Marie-Antoinette wird erzählt, sie habe einmal gefragt, warum die Leute so klagen. Ein Diener erzählte ihr, dass die Leute kein Brot mehr haben und ihre Antwort soll gewesen sein: Dann sollen sie halt Kuchen essen. Auf den ersten Blick klingt es wie Hohn, doch ich denke, sie war wie der König im Märchen, sie hat die Armen nicht wirklich gesehen, weil sie arm sein nicht kannte. In ihrem Leben galt, wenn kein Brot da ist, dann nimmt man halt Kuchen – in der Welt der Armen heißt kein Brot hingegen Hunger, Not, Leid und Tod.
Mir imponieren alle drei Protagonisten in diesem Märchen, denn jede einzelne Figur kann mich, aber auch uns alle etwas lehren:
Der Vater – Liebe und Vertrauen:
Er liebt seine kluge Tochter so sehr, dass er ihr keinen Wunsch abschlagen kann. Er vertraut seinem Kind vollkommen, sonst könnte er sich nicht auf so ein Wagnis einlassen. Er lädt mich und uns alle ein, ebenfalls zu vertrauen: unseren Kindern, uns selbst, dem Leben. Es schwingt ein „Hab Vertrauen, alles wird gut“ für mich in seinem Verhalten mit. Eine Haltung, um die ich mich sehr bemühe.
Das Mädchen – Mut und Entschlossenheit
Mutig sucht und findet sie einen Weg mit dem König ins Gespräch zu kommen. Doch sie redet nicht nur, sie wirft dem König nicht nur sein Verhalten vor, sondern es gelingt ihr, ihm die Ungerechtigkeit spüren zu lassen. Sie lässt ihn am eigenen Leib fühlen, was es bedeutet im Kerker zu sitzen und hungern zu müssen.
Gleichzeitig ist ihr nicht daran gelegen, selbst die Macht an sich zu reißen, denn sie hätte zukünftig selbst auf dem Thron sitzen können. Schließlich hat sie ihm ja das Brathähnchen für sein Reich gegeben. Doch das wollte sich offensichtlich nicht. Es geht ihr nicht um Macht, es geht ihr um Gerechtigkeit. Sie will ihm die Augen öffnen und nicht ihn übers Ohr hauen.
Sie lädt mich immer wieder aufs Neue ein mutig für Recht und Gerechtigkeit einzustehen und dafür auch etwas zu riskieren.
Der König – Reflektion und Lernfähigkeit
Kritisiert zu werden und dann auch noch so massiv, gefällt wohl niemanden. So ist das Verhalten des Königs zunächst nicht verwunderlich. Doch er bleibt hier nicht stehen, sondern reflektiert. Was hat der Vater gesagt? Sie ist klug? Stimmt das? Was wenn doch an ihren Worten etwas dran ist?
Er holt sie zurück um sie auf die Probe zu stellen und bekommt von ihr eindrücklich gezeigt, dass sie klug ist. Das Überraschende: Er erkennt dies an, indem er sie zur ersten Beraterin macht. Er hat seine Lektion gelernt. Etwas, das für Menschen in Machtpositionen nicht unbedingt selbstverständlich ist, wie mir scheint.
Es geht nicht um ein blindes Annehmen der Kritik, sondern um die ehrliche Auseinandersetzung mit ihr und der berechtigten Frage: Ist der Kritiker klug? Weiß er wovon er spricht? Kann ich seinen Worten trauen? Und wenn ja, bin ich bereit seine Sichtweise in die meine zu integrieren?
Der König lädt mich und alle Menschen immer wieder dazu ein, Geschehenes zu reflektieren, Kritik zu hinterfragen und aus den Fehlern zu lernen, die ich erkennen kann.

(Bild mit Canva AI erstellt)
Parallelen in unsere heutige Welt
Es fällt mir nicht schwer, Entsprechungen in unsere heutige Lebensrealität zu finden. Auch in unserem Land gibt es eine Regierung, die auf dem einen Auge blind zu sein scheint. Blind für die Bedürfnisse der Armen und ohnehin schon Benachteiligten. Die allermeisten, wenn nicht gar alle Entscheidungen gehen zu Lasten derer, die bereits jetzt nicht viel haben. Das Augenmerkt liegt auf den Reichen. Was mir aber mindestens ebenso deutlich auffällt ist, dass diejenigen, die kritisieren sich eben nicht wie das kluge Mädchen verhalten. Es wird kritisiert, gejammert, lamentiert – aber nicht direkt beim „König“, sondern lauthals in den sozialen Medien. Das Ergebnis? Ängste werden geschürt. Ich gebe zu, ich frage mich warum dies so ist. Liegt es wirklich daran, etwas bewegen zu wollen? Oder liegt es vielmehr daran, einerseits Reichweite zu generieren und andererseits Menschen zu ängstigen. Denn eines muss uns klar sein: Menschen, die Angst haben, sind leichter zu manipulieren. Das wirft dann wiederum die Frage auf: Geht es hier wirklich um das Anprangern von Missständen und den Versuch, Mächtige darauf aufmerksam zu machen oder geht es um als Aufklärung getarnte Manipulation?
Den Weg, den das Mädchen im Märchen wählt, ist keiner der Angst erzeugt. Sie redet nicht über den König, sondern mit ihm. Sie handelt pragmatisch und bringt ihn so schließlich dazu, seinen Blick zu weiten.
Ich würde mir in unserer Lebenswirklichkeit mehr Menschen wie das kluge Mädchen wünschen. Menschen, die es nicht nötig haben Angst und Schrecken zu verbreiten, sondern Frauen und Männer, die die Mächtigen dort abholen, wo sie gerade stehen. Menschen, die „den Königen und Königinnen“ unserer Zeit mutig die Stirn bieten und ihnen fühlbar zeigen, wie es ist, auf der unbeachteten Seite zu stehen.