Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, so heißt es, und ich mache da keine Ausnahme. Manchmal aber verändern wir uns und durch diese Veränderung bemerken wir Dinge in unserem Verhalten oder unserer Sicht, die nun nicht mehr zu uns passen. Dann ist es gut, die eingefahrenen Gleise zu verlassen und neue, frische Pfade zu beschreiten.
Hilfe annehmen ist keine Schwäche
Vor etlichen Jahren las ich ein Buch über Bachblüten. Wie es hieß habe ich längst vergessen und auch an den Inhalt erinnere ich mich kaum. Aber ein Satz ist mir in Erinnerung geblieben. Der Autor oder die Autorin schrieb mit einem Augenzwinkern: „Nur ein Schwächling wuchtet einen Eichenschrank nicht allein ins dritte Stockwerk.“
Erwischt – das hätte eine Beschreibung über mich sein können. Auch ich tue mir verdammt schwer damit Hilfe anzunehmen oder gar einzufordern. Nun ist es nicht so, dass ich das inzwischen mit Bravour kann, ganz und gar nicht. Ich übe noch kräftig. Doch immerhin habe ich erkannt, dass Hilfe annehmen keine Schwäche ist, sondern ganz im Gegenteil: Hilfe annehmen, da wo nötig und sinnvoll, zeugt von Mut. Dem Mut, sich eingestehen zu können, dass man eben nicht alles alleine kann, dass man nicht weiter weiß und andere Kräfte, anderes Wissen von Nöten sind.

Wenn im Märchen eine gestellte Aufgabe zu schwierig für den Märchenhelden/ die Märchenheldin ist, dann ist es gut, wenn er oder sie die Hilfe annimmt, die sich auftut. Als Beispiel möchte ich „Die Bienenkönigin“ (Brüder Grimm) anführen, wo es heißt: Endlich kam auch an den Dummling die Reihe, der suchte im Moos; es war aber so schwer, die Perlen zu finden, und ging so langsam. Da setzte er sich auf einen Stein und weinte. Und wie er so saß, kam der Ameisenkönig, dem er einmal das Leben erhalten hatte, mit fünftausend Ameisen, und es währte gar nicht lange, so hatten die kleinen Tiere die Perlen miteinander gefunden und auf einen Haufen getragen.“
So wie dem Dummling im Märchen ging es mir übrigens mit meiner Website: Da gab es diese eine Sache, die sich von mir nicht lösen lies. Stunden habe ich mit suchen verbracht. Vor einer Woche habe ich dann kapituliert und mir Hilfe geholt – und, siehe da: Jetzt geht es.
Geben und nehmen dürfen im Gleichgewicht sein
Wer mich kennt, der weiß: Ich gebe gerne: Mein Wissen, meine Zeit, meine Aufmerksamkeit. Dazu gehört auch, dass großzügig verlinke, ein Herz dalasse oder seltener auch kommentiere. Bei letzterem fehlt mir oft einfach die Zeit. Auf diese Weise erhöht sich, nach den Regeln der Algorithmen die Reichweite der so unterstützten Personen. Allerdings habe ich inzwischen festgestellt, dass dies oft nur eine Einbahnstraße ist. Wenn ich auf einer Veranstaltung mit einer anderen Person war und sie namentlich erwähne und ihre Website verlinke, heißt das noch lange nicht, dass die andere Seite dies auch so macht. Daher wähle ich inzwischen sehr genau aus, wer meinen Support bekommt. Wer teilt mit mir Reichweite, Wissen und Zeit? Für diese Personen werde ich immer das gleiche tun. Bei allen anderen lasse ich es inzwischen sein. Denn ich habe erkannt: Ich muss mich nicht ausnutzen lassen.
Gemeinschaft heißt: Gemeinsam etwas erreichen
Ich bin gern Teil von Gemeinschaften. Gemeinschaft bedeutet für mich, gemeinsam etwas erreichen, was einer alleine nicht, oder nur unter großer Anstrengung schafft. Allerdings nehme ich inzwischen vermehrt wahr, dass es in Gemeinschaften zweierlei Menschen gibt: Die einen, die mitmachen, sich kümmern, sich einbringen – und – jene, die nur die Annehmlichkeiten der Gemeinschaft in Anspruch nehmen. Wenn ich zurückdenke, muss ich leider sagen, das war schon immer so und wird wohl immer so bleiben. Trotzdem habe ich in diesem Jahr entschieden: In Gemeinschaftsprojekten bringe ich mich nur noch soviel ein, wie ich es tun müsste, wenn zumindest ein Großteil der Gemeinschaft mitarbeiten würden. Und wenn deshalb ein Projekt nicht zustande kommt oder deutlich im Umfang reduziert wird? Dann ist das halt so. Gemeinschaft heißt gemeinsam etwas erreichen und nicht, einige erreichen etwas für alle.
Mir mehr vornehmen, als ich leisten kann
Ich bin die Meisterin im sich selbst überfordern… Dabei weiß ich genau, dass ich durch mein kleines Mitbringsel auf diese, unsere Erde auf mich und meine Gesundheit besonders achten darf. Druck, in welcher Form auch immer, ist wahres Gift für meine Lunge. Ist ja nicht so, dass ich das nicht längst wüsste. Trotzdem mache ich mir selbst jede Menge Druck – meist völlig sinnfrei.
Es wäre falsch zu sagen, ich habe meine Belastbarkeitsgrenze inzwischen akzeptiert, aber wir nähern uns langsam an. Wichtig aber ist, dass ich inzwischen wirklich gut abschätzen kann, ob ich diese oder jenes Projekt jetzt gerade leisten kann oder ob es das berühmte Zuviel ist. Das ganze lässt auch keinen Bereich meines Lebens aus, wäre sonst ja auch zu einfach, oder? Inzwischen kann ich auch gut die Reißleine ziehen: Wenn meine Kapazität erschöpft ist, ist sie eben erschöpft. Meine Gesundheit dankt es mir.
Nein sagen, wenn es nicht passt
Was nicht passt, wird passend gemacht. Da schließt man faule Kompromisse, die einen selbst schmerzen, die Zeit und Nerven kosten und bekommt am Ende doch nicht das, was man eigentlich wollte – oder man hat zumindest einen viel zu hohen Preis bezahlt.
Ein sehr anschauliches Beispiel finden wir dazu bei Aschenputtel: Den beiden Stiefschwestern ist der Schuh zu klein. Aber weil sie Königin werden wollen, verstümmeln sie sich selbst. Die eine hieb sich den Zeh, die andere ein Stück von der Ferse ab. Genutzt hat es ihnen jedoch nichts, sie flogen auf und Königin wurde Aschenputtel, weil ihr der Schuh passte wie angegossen.

Hand aufs Herz: Sind wir nicht auch oft wie Aschenputtels Stiefschwestern? Wir sagen ja, obwohl wir besser nein sagen würden. Wir pressen uns in eine Form, die uns nicht passt oder hacken uns gleichsam Werte, Bedürfnisse und mehr ab. Nur um etwas zu bekommen, das wir unbedingt haben wollen, obwohl es gar nicht für uns ist, weil es gar nicht zu uns passt.
Ich gestehe, auch ich bin schuldig im Sinne der Anklage und habe schon oft ja gesagt, obwohl ich genau wusste, dass das Angebot, so wie es vor mir liegt, nichts für mich ist. Aber ich wollte doch so gern… und dafür war ich auch bereit, manchen Kompromiss einzugehen, mit dem ich mich unwohl fühlte, der weder mit mir, meinen Werten noch meinen Bedürfnissen zusammenpassten. Das ist inzwischen Schnee von gestern. Was nicht passt, wird nicht mehr passend gemacht. Entweder es findet sich ein ehrlicher Kompromiss, mit dem alle gut leben können, oder es heißt eben: nein danke. Bildlich gesprochen bin ich es mir heute wert, nur noch die Schuhe anzuziehen, die mir passen, ohne dass ich mich verstümmeln muss.